Literatur

Ferrari Dino (2/2)

Vom Hoffnungsträger zum Testlaboratorium
Nur gut aussehen reicht nicht

Der Carrera Universal Ferrari Dino 206 S
Teil 2: Die Lexan-Versionen
Text und Fotos: Henry Smits-Bode

Nachdem der letzte Beitrag in dieser Rubrik dem Vorbild und den Hartplastikvarianten der Carrera-Universal-Miniatur Ferrari Dino gewidmet war, wenden wir uns hier den Lexanausführungen dieses Typs zu.

Die Tatsache, dass Carrera den Ferrari Dino sowohl in Hartplastik als auch in der tiefgezogenen Karosserieausführung auf den Markt gebracht hat, ist in der Universal-Modellgeschichte absolut einmalig. Kein zweites Vorbild wurde sowohl in der „normalen“ als auch in der von Carrera anfangs als „Rennausführung“ bezeichneten Leichtversion angeboten. Beide Varianten wurden zeitgleich 1967 als Neuheit präsentiert. So wie der Hartplastik-Dino für die Universal-Sammler untrennbar mit dem Porsche Carrera 6 verbunden ist, bildet der Lexan-Ferrari mit dem Ford GT40 eine ähnlich enge Einheit, was nicht zuletzt auch auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass diese Paarung von 1969 bis 1972 die Standardbestückung der Grundpackung Indianapolis darstellte.

Optisch ist das tiefgezogene Modell im Grunde ebenso gut getroffen, wie sein gespritztes Ebenbild, jedoch mussten hier einige produktionsbedingte Kompromisse eingegangen werden. Bedingt durch die Fertigungsweise konnten die charakteristischen seitlichen Heckflügel nicht umgesetzt werden, was dieser Ausführung ein wenig Authentizität nimmt. Jedoch haben gerade die Lexan-Ausführungen der Universal-Modelle für viele Sammler ihren ganz besonderen Reiz, der vor allem auf dem unnachahmlichen Lackfinish beruht, an das zeitgenössische Hartplastik-Modelle kaum heranreichen können. Mit der Farbgebung nahm man es seinerzeit auch nicht so genau, so dass der Dino in einem deutlich dunkleren Rot daherkommt, als man es eigentlich  von einem Ferrari kennt. Aber Sammler, deren Leidenschaft sich auf die Carrera-Universal Fahrzeuge richtet, betrachten ihre Pretiosen meist ohnehin eher als Relikte der Kindheit, eben als Spielzeuge der eigenen Vergangenheit, die objektive Qualität der modellgetreuen Wiedergabe spielt hier -- wie im Grunde in allen Sammelgebieten, die sich auf historisches Spielzeug beziehen - nur eine sekundäre Rolle und wird allenfalls an dem damaligen Standards gemessen.

Wie so oft, brachte Carrera im Laufe der Produktionszeit des Ferrari Dino, die sich über den Katalogzeitraum von 1967 bis 1976 erstreckt (während der Hartkunststoff-Dino noch bis 1980 weiterproduziert wurde), einige Detailvarianten dieses Typs hervor, unter denen sich auch echte Raritäten des Universal-Programms finden. Im Premierenjahr 1967 wurde der Dino mit einer zweischichtigen Lackierung ausgeliefert, bei der die erste Schicht von einem leicht transparenten Rotton gebildet wurde, der anschließend mit einem zweiten silbernen Auftrag hinterlegt wurde.  Durch diese aufwendige Herstellung wurde ein ganz besonders brillantes  und metallisch wirkendes Finish erzielt. Das hier verwendete Material ist deutlich dicker und damit härter, als das später eingesetzte Lexan. Gerüchten zufolge ist der verwendete Silberlack gesundheitsschädlich gewesen, weshalb diese Variante nur sehr kurz produziert wurde und eine einschichtig rot lackierte Version folgte. Die beschriebene Ausführung „innen silber“ ist sehr selten zu finden und in gutem Zustand ohne Ausbrüche wirklich rar. Selbst bei vorhandener Bereitschaft zu leichten Zustandsabstrichen, ist diese Version in der in dieser Rubrik  durchgehend verwendeten Skala von 1=sehr häufig bis 10=extrem selten ohne weiteres in die Seltenheitskategorie SK 9 einzuordnen. An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass ähnliche Seltenheitskategorien keineswegs mit gleich hohen Preisen gleichzusetzen sind! Eine Variante im Detail, wie der hier beschriebene Dino, ist zwar durchaus kostspielig, erzielt aber am Sammlermarkt keine vergleichbar extremen Preise wie exotische Farbvarianten, die im allgemeinen deutlich höher bewertet werden als solche erst auf dem zweiten Blick erkennbare Feinheiten.

Diese Regel wird wie immer von der unvermeidlichen Ausnahme bestätigt. Und die liefert gleich eine andere Version des kleinen Ferrari, die ein absolutes Highlight in jeder Uni-Sammlung darstellt: Der Dino mit Scheinwerfereinsatz, der mit der SK 10 zu den größten Raritäten im Sortiment zählt. Und obwohl es sich auch hier im Grunde nur um ein feines Detail handelt, das den Unterschied ausmacht, zählen diese Ausführungen der Lexanmodelle zum Teuersten, was der Universal-Markt zu bieten hat – wobei das Angebot naturgemäß verschwindend gering bzw. faktisch nicht gegeben ist. Die Recherchen, was es mit diesem Modell auf sich hat, ergaben verschiedene Antworten, die sich jeweils in einigen Details unterscheiden. Die glaubwürdigste und angesichts der Fakten am wahrscheinlichsten erscheinende Version besagt, dass die Fahrzeuge mit separatem Scheinwerfereinsatz nicht nur, wie zunächst oft angenommen, in wenigen Mustern gefertigt wurden, sondern tatsächlich normal in den Verkauf kamen. Jedoch stellte sich bereits kurz nach Auslieferung heraus, dass der eingeklebte Einsatz keinen ausreichenden Halt in der Karosserie fand und im Spielbetrieb heraus gefallen ist. Nach ersten Reklamationen hat Carrera dann den Vertrieb dieser Ausführung nach sehr kurzer Zeit wieder eingestellt. Nicht ausgelieferte Fahrzeuge wurden dann wohl auch intern an Mitarbeiter vergeben oder verkauft. Diese Schilderungen ehemaliger Carrera-Angestellter erscheint durchaus schlüssig, denn von den heute bekannten Fahrzeugen sind die meisten in der Nürnberger Region aufgetaucht, aber einige wenige eben auch aus privater Hand in ganz anderen Gegenden. Der Dino mit Scheinwerfereinsatz ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie zunächst vielleicht nebensächlich erscheinende Details ein Modell optisch aufwerten können. Jeder Sammler wird sicher zustimmen, dass diese Variante eine ganz besondere Ausstrahlung ausübt.

Auffällig ist bei den bisher beschriebenen Typen, dass der innen silberfarbene Ferrari vorne ein rund ausgeformtes, der Dino mit Scheinwerfereinsatz aber das vorbildgerechtere und unter Sammlern als „eckig“ bezeichnete Radhaus aufweist. Das lässt vermuten, dass eine weitere Variante dieses Typs zwischen diesen Versionen ausgeliefert wurde und nicht erst nach der Rarität mit Einsatz, denn die gängigeren Ausführungen des 206S sind ebenfalls mit rundem oder eckigem Radhaus bekannt. Demnach ist anzunehmen, dass die chronologische Reihenfolge wie folgt lautet: Erstens innen silbern mit rundem Radhaus, zweitens normal rot mit rundem Radhaus, drittens mit Scheinwerfereinsatz mit eckigem Radhaus und schließlich viertens normal rot mit eckigem Radhaus. Diese angenommene Reihenfolge wird auch dadurch gestützt, dass der einschichtig rot lackierte Dino mit rundem Radhaus, wie der innen silberfarbene, auch in wenigen Exemplaren mit schwarz lackiertem Lufteinlass in der Front bekannt ist, die die erste Ausführung immer aufweist. Als absolut gesichert ist diese Reihenfolge aber bitte nicht aufzufassen, da Carrera bei anderen Modellen nachweislich parallel oder auch im zeitlichen Wechsel mit verschiedenen Werkzeugen gearbeitet hat. Theoretisch möglich – wenn auch unwahrscheinlich - bleibt folglich die Option, dass in einer Serie mal die eine Radhausvariante, in einem nächsten Produktionslauf dann aber wieder eine vorherige Ausführung gefertigt wurde. Wie dem auch sei, fest steht, dass der normal rote Ferrari Dino mit rundem Radhaus heute um einiges schwerer zu finden ist, als die Variante mit eckigem Radhaus und damit in makellosem Zustand in die SK 6 eingeordnet werden kann, der Typ mit eckigem Radhaus dagegen eher am unteren Ende der 5 zu finden ist. Für beide gilt wie immer, dass diese Einordnung nur für Top-Exemplare zutreffend ist, denn losgelöst vom Zustand betrachtet, sind die Modelle recht häufig zu finden, aber eben fast immer mit deutlichen Mängeln wie Rissen und Ausbrüchen behaftet, was sie für die meisten Sammler unattraktiv macht.

Damit sind auch schon die häufigsten Fehler des 206S benannt, die bei einem Kauf wertbestimmend sind und daher unbedingt geprüft werden müssen. Darüber hinaus kommen dieser Miniatur oft Rückleuchten und vor allem der Scheibenwischer abhanden, die aber auch original von schlechten Modellen durchaus mal zu bekommen sind, weshalb dieses Manko  – angemessener Preis vorausgesetzt – nicht vor einem Kauf zurückschrecken lassen sollten.  Wem die genannten Varianten noch nicht genug Abwechslung sind, der kann dann auch noch nach den verschiedenen Felgenvarianten suchen, so dass sich dann schließlich schon allein von der letzten Karosserievariante drei verschiedene Versionen mit durchbrochenen silbernen, geschlossenen silbernen und geschlossenen goldenen Felgen in der Vitrine finden.

Bleibt am Ende nur noch die Frage, welcher denn nur der schönere Dino ist: Hartplastik oder Lexan? Die Frage kann letztlich nur jeder für sich selbst beantworten! Aber für den besessenen Universal-Sammler spielt die Antwort ohnehin nur eine untergeordnete Rolle: Auf dem Weg zur kompletten Sammlung braucht er sie halt einfach alle!

 

Copyright 2004 Henry Smits-Bode

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