Literatur

Ferrari Dino (1/2)

Nur gut aussehen reicht nicht

Schön aber im Original erfolglos: Carrera Universal Ferrari Dino 206 S

Teil 1: Die Hartplastik Versionen
Text und Fotos: Henry Smits-Bode

Stellt man Carrera Universal Sammlern die Frage, welche Modelle ihrer Meinung nach als die typischen Autos dieses Systems anzusehen sind, lautet die Antwort nahezu einstimmig: Porsche Carrera 6 und Ferrari Dino!  Noch ausgeprägter ist dieser Tenor unter den Liebhabern des großen Maßstabs, bei denen dieses Dreamteam die Standardbestückung der weitaus meisten Grundpackungen darstellte. Bei der Universal wurde über viele Jahre die größte Grundpackung „Gran Turismo“ mit dieser Paarung ausgestattet, die aufgrund der beeindruckenden Abmessungen schon beim Blättern der Prospekte besondere Begehrlichkeiten bei den Kindern der 70er Jahre weckte, so daß diese Typen bis heute in den Köpfen der groß gewordenen Kids von damals besonders präsent sind. Hier widmen wir uns dem italienischen Beitrag dieses aus Sicht der Carreraristi eigentlich unzertrennlichen Doubles.

Als Vorbild diente der Ferrari Dino 206 S aus dem Jahr 1966. Ursprünglich trug dieses Fahrzeug nicht das Ferrari Markensymbol, sondern trat nur unter der Bezeichnung Dino auf, die Firmierung eines Ferrari-Subunternehmens. In der Ferrari-Chronik taucht dieser Name erstmals 1956 auf: Enzo Ferraris einziger ehelicher Sohn Alfredo, genannt „Dino“, befasste sich mit der Entwicklung eines enorm leistungsfähigen 1,5 Liter Motors, der als 6-Zylinder V-Motor konzipiert war. Selbst seine Diplomarbeit bezog sich auf dieses Thema. Doch noch bevor er seinen Traum verwirklichen konnte starb er am 30. Juni 1956 im Alter von nur 24 Jahren, nachdem er unheilbar an Muskelschwund erkrankt war. Noch im Krankenbett, bereits schwer durch sein Leiden gezeichnet, diskutierte er mit seinem Vater und dem Ferrari Chefkonstrukteur Vittorio Jano enthusiastisch die technischen Details des Aggregats. Seine Ideen wurden nach seinem Tode umgesetzt und der schwer getroffene Enzo Ferrari gab dem Triebwerk im Andenken an seinen Sohn den Namen „Dino“. Die Marke Dino taucht aber erst später auf: Der 166 S, der schon kurz darauf zum Dino 206 SP weiterentwickelt wurde, ausgestattet mit einem Nachfolger des ersten in Maranello gebauten V6, war das erste Fahrzeug aus Maranello, das den Namen der Zweitmarke trug.

Es handelte sich hierbei nicht zuletzt um einen strategischen Schachzug, dessen Ziel es war, Porsche in ihrer scheinbar uneinnehmbaren Bastion der Zweiliterklasse einzubremsen. Da Ferrari sich hier noch keine Siege im Gesamtklassement zutraute ging man aus Imagegründen unter dem Label Dino an den Start. Mit dem Dino 206 SP entriss man 1965 Porsche den Sieg bei der europäischen Bergmeisterschaft, der wohl größte Erfolg dieser Reihe.

Auf diesem Bergspyder basierte auch in direkter Linie der Dino 206 S. Das „S“ in der Modellbezeichnung signalisiert, dass dieser Wagen ursprünglich in der Gruppe 4 der Sportwagenmeisterschaft starten sollte. Für den Einsatz bei den Prototypen (Gruppe 6) wurde der Ferrari P3 entwickelt, neben dem der Dino immer ein wenig wie der „kleine Bruder“ wirkte, so sehr ähnelten sich die beiden Rennwagen. Für die Homologation zur Gruppe 4 hätten 50 Exemplare gefertigt werden müssen, die Carozzeria Sports Cars in Modena brachte jedoch nur 16 oder 17 Exemplare hervor, so daß der Dino 206 S gezwungen war, gegen deutlich leistungsfähigere Prototypen anzutreten (das dem Vorbild nachempfundene „P“ auf den Carrera 124 Modellen steht übrigens für die Zugehörigkeit zu dieser Rennklasse!). So hatte er einen schweren Stand und bestach eher durch seine Optik als durch spektakuläre Rennerfolge. Ganz oben auf seinem Ruhmesblatt stehen die zweiten Plätze bei der Targa Florio und dem 1000km Rennen auf dem Nürburgring (mit weniger als einer Minute Abstand auf den siegreichen Chaparral 2D), was dem Auto kein Experte zugetraut hätte. Später machte Ferrari aus der Not eine Tugend und nutzte die Freiheiten des Prototypenreglements am 206 S als Objekt der Experimentierfreude. 1967 ging er mit dem Ferrari Markensymbol an den Start und hatte auf dem Höhepunkt seiner kurzen Laufbahn einen 2,4 Liter Motor mit 275 PS. Aber auch mit diesem Potential konnte er die prestigeträchtigen 1000 km in der Eifel nicht für sich entscheiden: Nach dem Training zwischen den 8-Zylinder Porsche 910 und den 6-Zylinder 906 eingereiht, wurde der Ferrari-Werksrenner aufgrund von Motorstörungen vom Rennen zurückgezogen – angesichts der wahrscheinlichen Pleite gegen Porsche kamen diese Probleme Ferrrari-Rennleiter Lini wohl nicht ganz ungelegen, wie böse Zungen kolportierten.

Auch wenn die großen sportlichen Erfolge ausblieben: Was dem Dino 206 S bis heute bleibt, ist das hinreißende Design, für das klassische Ferrari bis heute stehen. Und das hat Carrera mit seiner Miniatur – insbesondere gemessen an den damaligen Standards - wirklich gut getroffen. 1967 fand der Dino Einzug in die Kataloge der Fürther und wurde von Beginn an mit dem neuen Chassis mit Schwingarm ausgerüstet, während sein späterer Begleiter Porsche 906 noch mit der veralteten Bodengruppe daherkam. Trotz langer Bauzeit - der Dino fand sich bis 1980 im Carrera-Universal-Programm – gibt es vergleichsweise wenig Varianten dieses Modells. Im wesentlichen beziehen sich die Unterscheidungsmerkmale auf zwei verschiedene Farbgebungen des Streifens, der die Karosserie ziert, wenn man einmal von den variierenden Felgenbestückungen (silbern oder gold) absieht. Dieser ist in der verbreiteten blauen und der erheblich selteneren silbernen Version bekannt. Als Indexwert für die Seltenheit der Ausführungen ist bei der Standardversion die Seltenheitskategorie (SK) 3 angemessen (auf einer Skala von 1 = sehr häufig bis 10 = extrem selten), wobei sich diese Einschätzung wie immer auf sehr gut erhaltene Exemplare bezieht. Davon abweichend sind deutlich bespielte Stücke ungleich häufiger anzutreffen, was nicht zuletzt auf der Tatsache beruht, dass der Dino eben auch in einer Grundpackung ausgeliefert wurde. Wirklich unbespielte Exponate sind inzwischen aber auch von diesem vergleichsweise häufigen Modell nicht mehr so ganz einfach aufzutreiben und entsprechend rarer einzuordnen. Die silberne Streifenvariante gehört hingegen eindeutig zu den selteneren Universal Typen und ist am oberen Ende der SK 7 einzusortieren. Das zeigt sich auch in den Marktpreisen, jedoch ist festzuhalten, daß in etwa gleiche Seltenheit verschiedener Modelle keineswegs zwingend ähnliche Preise am Sammlermarkt bedeuten! Ein abweichender lackierter Streifen wird in der Sammlerszene in der Regel nicht mit vergleichbaren Aufschlägen gehandelt, wie es z.B. bei einer ähnlich raren Variante, die eine gänzlich andere Färbung des Kunststoffes aufweist der Fall ist. Und selbst dann kommt es noch auf weitere Faktoren an, aus der Seltenheit allein lässt sich kein Marktpreis ableiten. Dennoch gehört der Dino mit silbernem Streifen eindeutig zu den höherpreisigen Universal-Modellen.

Chronologisch lässt sich die Abfolge der Varianten nicht ganz eindeutig bestimmen. Die erste Abbildung eines Hartplastikfahrzeugs findet sich im Katalog von 1967/68, hier aber noch ganz ohne Streifen und mit schwarzem Fahrereinsatz. Der Verbleib dieses Musters ist bis heute nicht bekannt. In den Werbeunterlagen des Folgejahres ist hingegen der Dino in der vertrauten Ausführung zu sehen. Auch im Katalog 1969/70 ist der Dino mit blauem Streifen zu abgebildet, während jedoch im DIN A4-Prospektblatt von 1969 ein Universal-Dino mit silbernem Streifen erkennbar ist. Dies ist die einzige offizielle Abbildung, die in den Carrera-Unterlagen zu finden ist. Es scheint also so, als sei der 206 S mit silbernem Streifen nur sehr kurzzeitig angeboten worden, die Indizien sprechen für den Zeitraum um 1969, was die heutige Seltenheit erklärt. Zudem ist diese Variante mit und ohne Startnummer auf der Fronthaube bekannt (die Authentizität mir bekannter Modelle mit Startnummer ist unzweifelhaft, es sind mehrfach solche Typen aus privater Hand in den Markt gelangt, und das zu Zeiten, zu denen sich für solche „Kleinigkeiten“ kaum jemand ernsthaft interessierte). Dieses zusätzliche Detail besitzt aber keine Wertrelevanz.

Bei einem auflackierten Streifen stellt sich natürlich immer die Frage nach der Echtheit. Als Interessent ist dementsprechend genau zu prüfen, ob der Streifen die typische „Carrera-Machart“ zeigt. Die seitlichen Ränder müssen aufgrund der bei Carrera verwendeten dreidimensionalen Lackierschablonen dezent ausnebeln und dürfen keine scharfen Kanten aufweisen, wie sie etwa durch Abkleben entstehen würden. Höchste Skepsis ist angebracht, wenn der separate Überrollbügel mit der Karosserie nicht mehr original verschweißt ist. Die Partie unter dem Bügel ist ebenfalls lackiert, was werksseitig natürlich vor dem Zusammensetzen der Teile erfolgte. Es ist kaum möglich, diese Stelle authentisch zu lackieren, ohne den Überschlagschutz zu demontieren. Die meisten Dinos mit silbernem Streifen weisen eine abweichende Krümmung im Frontbereich des Streifens auf, entgegen ursprünglicher Annahmen in der Szene trifft das aber nicht auf alle Autos in dieser Version zu. Die Lackierschablonen waren seinerzeit nahezu „Verbrauchsstoffe“ und wurden immer wieder mal ausgetauscht, wenn eine alte Schablone unbrauchbar wurde. So kam es hier immer wieder zu mehr oder weniger stark ausgeprägten Abweichungen im Laufe der Produktionszeit.

Als typische Schwachstellen sind Risse im Überrollbügel, im Frontbereich (Lufteinlass) und im unteren Heckbereich zu nennen. Ebenso sind die beiden kleinen Heckflügel sehr bruchgefährdet und oft beschädigt. Zudem reißt der vordere Befestigungszapfen oft aus und fehlt bzw. wurde nachträglich eingeklebt.  Gebrauchten Fahrzeugen fehlt auch sehr häufig der Scheibenwischer, der sich aber mit etwas Geduld als Originalteil beschaffen lässt. Auch neue Fahrzeuge weisen manchmal im Frontbereich (vor den Scheinwerfern) leicht blinde Stellen im Kunststoff auf. Diese müssen als fertigungsbedingt hingenommen werden und rechtfertigen allenfalls minimalen Preisabschlag.

War dem Dino im Maßstab 1:1 auch kein großes Leben vergönnt, im Carrera Programm reifte er sowohl im Universal Programm als auch im großen 124er-System zum absoluten Klassiker. Der Ferrari Dino 206 S weist dabei im Universal-Sortiment eine absolute Besonderheit auf: Er ist das einzige Modell in diesem Programm, welches sowohl in Hartplastik- als auch in Lexanausführung angeboten wurde! Und gerade die tiefgezogene Version des Dino hält einige besondere Leckerbissen für Universal-Sammler bereit, die wir den Lesern dieser Rubrik in der nächsten Ausgabe der COL präsentieren werden!


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