Literatur

Der Transpo Thermozug - Coole Sache!

Henry Smits-Bode

1970 betrat Carrera mit der Transpo-Serie Neuland im Bereich der Autorennbahn: Erstmals wurden nicht nur Renn- und Personenwagen auf die Piste gebracht, auch voluminöse LKW-Modelle bereicherten jetzt das System um eine weitere Spielvariante. Nach dem erfolgreichen Start dieser Idee wurde das Programm bereits im zweiten Jahr, um drei weitere Fahrzeuge ergänzt. Mit dabei der bis heute besonders faszinierende Thermozug.

Das Modell basiert wie auch der in der COL 2/03 bereits beschriebene Muldenkipper auf dem Mercedes Typ LP, mit dem Anfang der 60er das charakteristische und für den LKW-Bau wegweisende kubische Fahrerhaus eingeführt wurde. Die Fahrerkabine ist bei allen Carrera-LKW identisch, als einziges Fahrzeug dieser Reihe wurde die Zugmaschine hier aber als Zweiachser ausgeführt. Wie in der Realität wurde der zugehörige Auflieger über die Sattelplatte hinter der Fahrerkabine angehängt. Stattliche 27 cm misst das Ungetüm, das auf insgesamt 14 Reifen unterwegs ist! Mit diesen Dimensionen stellt der Sattelschlepper das mit Abstand längste Fahrzeug aus dem 1:32er Carrera-Sortiment dar. Nur der 3-Seitenkipper erreicht in Verbindung mit dem separat zu erwerbenden Anhänger vergleichbare Regionen.

Es ist vermutlich auch diese imposante Erscheinung, die diesem Modell in der Sammlerszene so hohe Aufmerksamkeit zukommen lässt. Rational sind die enormen Preise, die für die Standardausführungen dieses Typs bezahlt werden kaum zu erklären. Diese Anmerkung bezieht sich insbesondere auf die Relation zu anderen Modellen des Systems, völlig unabhängig von der absoluten Zahl! Das seltene Varianten mit hohen Beträgen gehandelt werden ist zumindest aus Sammlersicht nachvollziehbar, ein "normaler" grüner Thermozug in der häufigsten Ausführung - grün ohne Schalter - im gebrauchten aber völlig unbeschädigten Zustand ist aber z. B. im Vergleich zu einer Stratos Studie bei gleichen Zustandsansprüchen geradezu einfach zu bekommen – wird aber im Markt erheblich höher gehandelt als letztgenanntes Modell. Die Einschätzung der Häufigkeitsverhältnisse wird von der permanenten Beobachtung der bekannten Internet-Auktionshäuser klar unterstrichen: Im Zeitraum der letzten 12 Monate konnten wirklich gute Sattelzüge fast im Zweiwochenrhythmus erworben werden, im gleichen Zeitraum tauchte an gleicher Stelle jedoch lediglich ein einziger Stratos ohne den geringsten Mangel auf. Eine besondere Faszination bringt die schiere Größe ganz ohne Zweifel mit sich. Im Verhältnis zu den LKW-Pendants Betonmischer und Muldenkipper ist der Gigant der Carrerabahn auch in der Tat erheblich schwerer aufzutreiben. In Relation zum 3-Seitenkipper ist aber bei nüchterner Betrachtung festzustellen, dass jenes Modell grundsätzlich sicher häufiger zu finden ist als der Kühlzug, aber makellose Exemplare, bei denen alle Klappenverriegelungen und Scharniere erhalten sind, durchaus vergleichbar rar eingeschätzt werden können. Auch hier ist der Preisabschlag zum Thermozug aber weit höher, als dieser Sachverhalt vermuten ließe.

Wirklich plausibel zu erklären ist  diese Preisdifferenz folglich nicht, festzustellen ist aber, dass sich diese schon mit Beginn der Carrera-Sammelei nach dem Ende des Systems ergeben und in den Folgejahren manifestiert hat. Ein Grund dafür könnte ein Gerücht gewesen sein, das um 1988 die Runde machte. Danach hieß es, dass von diesem Modell lediglich 2.000 Exemplare produziert worden seien. Der Urheber dieses Gerüchtes ließ sich seinerzeit in der noch kleinen Szene recht leicht ausfindig machen. Genaue Nachfragen ergaben schließlich, dass es sich bei dieser Angabe um eine völlig aus der Luft gegriffene Annahme handelte, die jeder nachvollziehbaren Grundlage entbehrte. Aber wie das so ist mit Gerüchten: Wenn sie erst einmal im Markt sind, verfehlen sie meist nicht ihre Wirkung! Noch heute werde ich vereinzelt mit dieser angeblichen Produktionsstückzahl konfrontiert, die aber angesichts der unter Sammlern heute bekannten Exemplare nicht ansatzweise plausibel ist. Die tatsächliche Menge dürfte um ein Vielfaches höher liegen!

Als Unterscheidungsmerkmale ergeben sich bei Carreras großem Laster zwei wesentliche Punkte. Zum einen sind die Varianten mit und ohne Dachschalter voneinander abzugrenzen, zum anderen rote oder grüne Fahrerkabinen, was für beide vorgenannten Versionen gilt. Daraus ergeben sich folglich vier verschiedene Ausführungen:

Thermozug rot ohne Schalter: Bei dieser Ausführung handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die erste Version dieses Modells, dass 1971 mit der Artikelnummer 82501 eingeführt wurde. Zwar ist in den 1971er Prospekten und Katalogen ein grauer Thermozug zu sehen, hierbei handelt es sich aber um ein in vielen Details abweichendes Produktmuster, das so nicht auf den Markt kam (rechts oben). Im Folgejahr ist dann ein Sattelschlepper mit roter Kabine abgebildet, der auch in Spielzeugkatalogen desselben Jahres wiederzufinden ist (rechts unten). Es ist anzunehmen, dass der rote Kühlzug nur kurzzeitig ausgeliefert wurde, den zweifelsfrei echte Exemplare sind heute sehr rar und auf der Skala von 1 bis 10 durchaus in der oberen Kategorie 8 anzusiedeln. Dennoch werden diese Typen nicht höher gehandelt, als das häufigere grüne Gegenstück. Das liegt in dem Umstand begründet, dass sich diese Variante sehr leicht mit der Kabine eines Betonmischers "stricken" lässt - was auch nicht selten praktiziert wird. Bei der Prüfung eines entsprechenden Angebotes ist in erster Linie auf die Carrera Decals seitlich der Fahrerkabine zu achten. Diese hat der Betonmischer in der Regel nicht, hier sitzt das Logo auf dem Wassertank. Bei Fälschungen werden oft die Carrera-Logos von dem seinerzeit käuflichen Decalbogen verwendet, die sich aber farblich klar unterscheiden. Ganz Clevere versuchen, den originalen Aufkleber von anderen Kabinen abzulösen und auf ein rotes Fahrerhaus aufzubringen. Das kann auch durchaus gelingen, bei genauester Prüfung sind aber an der äußeren transparenten Umrandung der Decals faktisch immer Unregelmäßigkeiten zu sehen, die die Manipulation entlarven. Zusätzlich gibt es aber auch tatsächlich Betonmischer, bei denen neben den Wassertankdecals auch auf der Kabine Logos aufgebracht wurden, vermutlich eher versehentlich, denn solche Exemplare sind nicht oft zu finden. Mit dieser Kabine als Grundlage kann auch der allergrößte Experte nicht unterscheiden, ob es sich um ein originales oder umgebautes Exemplar handelt. Diese Unwägbarkeiten erklären, warum zumindest gebrauchte Stücke dieser Ausführung keine hohen Preisaufschläge für sich verbuchen können, denn grundsätzlich ist die rote Kabine kein seltenes Stück. Es bedarf hier schon hoher Sicherheit über die eigenen Fähigkeiten echt oder unecht differenzieren zu können, bevor man hier bereit ist, tiefer in die Tasche zu greifen.

Thermozug in grün ohne Schalter: Diese Ausführung stellt die häufigste Ausführung des LKW dar und war laut Katalog von 1973 bis 1975 erhältlich, wobei die Relation der bekannten Stückzahlen annehmen lassen, dass die Umstellung der Farbe bereits im Laufe des vorhergehenden Katalogjahres erfolgte. Der bereits angedeuteten hohen Preise zum Trotz ist dieses Modell in sehr gutem unbeschädigten Zustand am unteren Ende der SK 7 angemessen einsortiert, lediglich ladenneue Stücke mit sehr gut erhaltener Originalverpackung, sind tatsächlich sehr schwer zu finden und somit natürlich auch anders einzuordnen.

Thermozug in grün mit Schaltern: Mit dem Katalogjahr 75/76 wurden die Transpo-Modelle in das normale Universal-System integriert, wobei die Fernbedienbarkeit mit dem externen Steuergerät leider verschwand, das jetzt durch eine in der Kabine eingearbeitete Schaltereinheit ersetzt wurde. Fortan wurde der Thermozug unter der Artikelnummer 40511 geführt, die er bis zum Produktionsende 1981 behielt. Der geringere Spielwert dieser Ausführung scheint sich auch in der Nachfrage nach diesen LKW niedergeschlagen zu haben, denn trotz der längeren Produktionszeit, sind diese späteren Versionen doch etwas seltener zu finden, wozu natürlich auch der allgemein nachlassende Rennbahn-Boom seinen Teil beigetragen haben wird. Hier erscheint eher das obere Ende der SK 7 angemessen. Im Detail unterscheiden unerschrockene Sammler noch zwischen dem normalen Grünton und einer erheblich dunkleren Nuance. Letztere ist erheblich seltener, aber nur wenige weit fortgeschrittene Liebhaber gehen bei der Differenzierung derart tief ins Detail. Diese Gruppe ist dann allerdings auch durchaus bereit, dafür einen nennenswert höheren Preis zu zahlen.

Thermozug in rot mit Schaltern: Dagegen haben wir es bei dieser Ausführung mit einer echten Rarität unter den Universal-Modell zu tun, die eine glatte 10 hinsichtlich ihrer Seltenheit verdient. Vermutlich handelt es sich hierbei um die zuletzt vertriebene Variante dieses Typs. Angesichts der äußerst geringen bekannten Stückzahl und der Tatsache, dass diese Version. in keiner Werksabbildung zu sehen ist, erscheint es denkbar, dass hier lediglich Restexemplare komplettiert wurden und im Sinne möglichst geringen Produktionsaufwands noch vorhandene bzw. für den weiter bis 1983 im Programm geführten Betonmischer ohnehin  produzierte rote Kabinen verwendet wurden. Die Differenzierung zu einem einfachen Umbau ist bei der Schaltervariante erheblich sicherer durchzuführen: Neben den genannten Merkmalen der Transpo-Version, die in gleicher Weise auch auf die Universal-Ausführung zutreffen, wurde die Kabine wie auch in der grünen Variante mit einem Blindstopfen im Mittelloch versehen. Dieser Stopfen hat eine deutliche Zeichnung in der Oberfläche (identisch  mit dem gleichen grünen Bauteil), ein einfaches Kunststoffplättchen, z. B. aus einer schlechten roten Kabine geschnitten, ließe sich folglich einfach identifizieren. Sollten doch einmal Zweifel bestehen, Muss man sich die Mühe machen, von innen die Verschweißung zu prüfen, die unter der Schaltereinheit zum Vorschein kommt. Daneben fehlt dem Thermozug die am Mittelloch des Betonmischers aufgebrachte Funktionsbeschriftung. Sind hier Polierspuren zu erahnen, sollte das unbedingt zur Vorsicht mahnen und eine genauere Prüfung nach sich ziehen. Angesichts der Summen, die hier im Raum stehen, sollte man im Zweifel vom Verkäufer sicherheitshalber auch ruhig eine schriftliche Zusicherung über die Authentizität einfordern. Ein seriöser Anbieter wird diesem Wunsch ganz sicher nachkommen.

In manchen Such-/Bestandslisten, die mir Sammler zukommen lassen, wird zwischen weißen und beigen Streifen rund um das Führerhaus unterschieden. Hierbei handelt es sich aber um eine einfache Verfärbung, die durch UV-Einfluss zustande kommt. Zu belegen ist das anhand vorliegender Exemplare, die über Jahre in der Originalverpackung untergebracht waren und Sonnenlicht ausgesetzt waren: Hier ist häufig an der lichtzugewandten Seite eine entsprechende dunkle Verfärbung des Streifens erkennbar, während die Partien im Schatten noch schneeweiß erhalten blieben. Abgesehen von der letztgenannten Variante, die nur mit roten Felgen bestückt wurde, sind alle anderen Ausführungen sowohl mit roten als auch mit weißen Felgen bekannt, teilweise sogar gemischt (Zugmaschine weiß, Auflieger rot). Auswirkungen auf den Marktpreis gehen davon aber nicht aus.

Neben den bereits genannten versionsspezifischen Merkmalen, sollten bei einem Kauf weitere Punkte geprüft werden. Analog zur Beschreibung des Muldenkippers, gilt es auch hier, einen scharfen Blick auf das Fahrerhaus zu werfen. Sehr häufig werden Reprospiegel angebracht, gleiches trifft auf die Scheinwerfer zu, die als Reproduktion erheblich klarer wirken und im direkten Vergleich sofort auffallen. Diese Teile sind noch recht leicht durch Originale zu ersetzen, problematisch wird es allerdings, wenn die Kabine oberhalb der Stoßstange den häufig zu bemängelnden Riss zeigt. Ist das der Fall, ist ein drastischer Preisabschlag angemessen. Gleiches gilt für beschädigte Auflieger. Oft löst sich die Bodenplatte vom Aufbau, was dann leider nicht selten mit groben Klebearbeiten "repariert" wird. Hauptproblem sind aber sicher fehlende oder beschädigte Türen. Ersatz ist hier nur mit sehr viel Glück bzw. guten Kontakten zu bekommen, man muss die Lage aber realistisch als eher hoffnungslos einordnen. Derartige Fehlteile mindern den Wert eines solchen Fahrzeugs enorm, nur bei der roten Ausführung mit Schaltern wird man darüber mehr oder weniger hinwegsehen können. Auch die ausklappbare Stütze des Aufliegers ist ein typischer Schwachpunkt dieses Modells. Fehlt sie nicht ganz, so sind doch oft die kleinen gesteckten Räder abhanden gekommen. Ersatzbeschaffung ist hier ebenso schwierig, wie bei den Türen, auch defekte weiße Felgen sind nur sehr schwer zu ersetzen, da diese Farbgebung nur bei diesem Modell anzutreffen ist.

Die Schiebetüren zeigen bei genauer Betrachtung häufig Spuren in der Form zähfließender Flüssigkeit die von der Kunststoffspritzung herrühren. Das ist kein Mangel sondern als produktionsbedingte Unregelmäßigkeit hinzunehmen. Schwieriger ist das bei der Steckverbindung Ober-/Unterteil. Selbst eindeutig unbespielte Stücke später Produktionsjahre zeigen an dieser Stelle manchmal dezente Unvollständigkeiten, die zwar ebenfalls produktionsbedingt sind, aber doch einen geringfügig wertrelevanten Schönheitsfehler darstellen. Neben diesen groben denkbaren Mängeln wirken sich aber auch bereits kleine Fehler wie beschädigte Decals, verkratzter Chrom der Imitation des Kühlaggregats oder nennenswerte Lackfehler der schwarzen Heckstoßstange auf den Wert aus! Anzumerken bleibt an dieser Stelle, dass es einige mehr oder weniger erfolgreiche Versuche gab, Aufliegerteile als Reproduktion herzustellen. Mit geringer Kenntnis der Materie oder einem direkten Vergleichsstück ist es aber leicht möglich, diese seelenlosen Nachbauten zu enttarnen.

Zu berücksichtigen ist bei den Thermozügen noch, dass die Originalverpackungen - bei Transpo-Modellen in rot, bei den späteren Universal-Fahrzeugen in blau gehalten - einen wichtigen Wertfaktor darstellen. Unbeschädigte Kartons mit intaktem Einsatz sind sehr schwer zu finden und erzielen heute schon für sich allein beeindruckende Preise!

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und sich auf die Suche nach dem Thermozug begibt, wird sehr schnell erfahren, was mit der "Drohung" aus dem Muldenkipper-Artikel gemeint war, dass dieses Hobby sehr schnell ein teures Laster werden kann. Nicht selten provoziert der Kühlzug heiße Bietgefechte bei Ebay. Da heißt es, dem Objekt der Begierde entsprechend kühlen zu Kopf bewahren, denn die nächste Gelegenheit kommt bestimmt!


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