Literatur

Ferrari Tipo 156 - Aller Anfang ist schwer

Henry Smits-Bode

40 Jahre Carrera-Autorennbahn! Dieses stolze Jubiläum darf sich das fränkische Traditionsunternehmen in diesem Jahr auf die Fahnen schreiben. Aus heutiger Sicht erscheint es fast wie ein Wunder, daß diese Marke bei den extremen Höhen und Tiefen bis in die heutigen Tage überlebt hat. Totgesagte leben länger – eine Volksweisheit, die sich auch hier wieder einmal bestätigt hat. Ganz am Anfang starteten die Fürther mit lediglich zwei Modellen. Neben dem Porsche 804 mit der Artikelnummer 400 debütierte das Carrera-System 1963 mit dem Ferrari Tipo 156, dem fortlaufend der Code 401 verpaßt wurde.


Schlägt man in den ersten Katalogen nach, drängt sich die Vermutung auf, daß der Ferrari auch tatsächlich erst als zweite Variante im Programm fertiggestellt wurde: Im 63er Katalog sind im Inhalt weder Porsche noch Ferrari als das letztlich erschienene Modell zu sehen. Als Dummys wurden hier die erheblich größeren Typen aus dem Struxy-Sortiment verwendet, was man vor allem an den untypischen Rädern umgehend erkennen kann. Auf dem Cover tummeln sich hingegen zahlreiche Porsche 804, die in der Machart der Universal-Ausführung entsprechen - in den abenteuerlichsten Farben, die bislang unter Sammlern noch nicht wieder aufgetaucht sind! Auf einem Prospektblatt aus dieser Frühzeit finden sich gleichfalls die fertigen Universal-Porsche, während auf der gleichen Piste wiederum Struxy-Ferrari in die Kulisse retouchiert wurden.

Das Vorbild der Miniatur hat viele Geschichten zu erzählen. In der Formel 1 vollzog sich zu seiner Zeit ein Paradigmawechsel. Die Frontmotorboliden wurden mehr und mehr von den revolutionären Wagen mit Mittelmotorkonzept verdrängt, das ab 1958 mit den Cooper-Climax-Rennwagen den Grand-Prix-Sport neu definierte. In der 60er Saison ging der Amerikaner Phill Hill in die Rennsportgeschichte ein, indem er als letzter Fahrer einen Grand Prix mit klassichem Frontmotor-Saurier gewann. Diesen historischen Erfolg am Steuer seines Ferrari 246 hatte er aber nur dem Umstand zu verdanken, daß die englischen Teams dem Großen Preis von Italien fernblieben, weil sie die Steilkurven von Monza fürchteten.

Die Saison 1960 wurde von zahlreichen tödlichen Unfällen überschattet, was mit ein Grund war, für die folgenden Jahre ein neues, im wesentlichen Teilen von der Formel 2 übernommenes Reglement festzuschreiben, daß den maximalen Hubraum der Motoren von zuvor 2500 auf 1500 ccm reduzierte. Mit der notwendigen Neukonstruktion Tipo 156 für die 61er-WM gelang Ferrari ein großer Wurf, der dem vorher nahezu unschlagbaren Gespann aus Cooper und Jack Brabham endlich Paroli bieten konnte. Seine markante Frontpartie brachte ihm den Beinamen "Haifischmaul" ein - gemessen an seinem Siegeshunger in mehrfacher Hinsicht ein treffendes Synonym. Mit 190 PS aus sechs Zylindern übertraf er die Konkurrenz deutlich, Porsche war mit 160 PS ebenso zum Statisten verdammt wie jetzt auch Cooper, die noch weniger Leistung auf die Strecke brachten. Nur zwei Rennen gaben die Roten in diesem Jahr ab. In Monaco und auf der Nordschleife des Nürburrings triumphierte Striling Moss auf Lotus. Bei allen anderen Rennen spielten die Ferrari-Fahrer Phil Hill, Wolfgang Graf Berghe von Trips und Richie Ginther mit ihren Kollegen Katz und Maus. In Belgien, wo der einheimische Star Olivier Gendebien das Trio ergänzte, gelang der Scuderia sogar ein triumphaler Vierfacherfolg. Wolfgang Graf Berghe von Trips war auf dem Weg zur Weltmeisterschaft - es wäre der erste Titel für einen deutschen Fahrer gewesen. Mit einem Sieg am 10. September 1961 in Monza hätte Trips den Sack zumachen können, doch es kam anders. Seine erstmalige Poleposition kann er beim Start nicht halten. Bei der anschließenden Aufholjagd kollidiert er mit Jim Clarks Lotus. Der Ferrari stellt sich quer, prallt gegen den Lotus, rast die nahe Böschung hinauf in den Drahtzaun und schleudert auf die Fahrbahn zurück. Wolfgang von Trips stürzt aus dem Wagen, schlägt auf dem Streckenrand auf und ist sofort tot – auf den Tag genau fünf Jahre nachdem Enzo Ferrari den jungen Graf Trips in sein Team aufgenommen hat. Mit ihm sterben elf Zuschauer, vier weitere erliegen später ihren Verletzungen im Krankenhaus. In der Folge wird Phil Hill als erster Amerikaner Weltmeister der Formel 1.

Ob es nun pathetisches Gedenken an dieses große deutsche Rennsporttalent oder die beeindruckende technische Dominanz des Vorbilds war, was Carrera dazu bewegte, dieses Fahrzeug auf die Modellrennpiste zu schicken, ist heute nicht mehr zu klären. Was man aber mit Sicherheit sagen kann, ist, daß dieses frühe Modell nicht gerade zu den optischen Highlights des Universal-Sortimentes zählt. Als Relikt der Spielzeuggeschichte strahlt es zweifellos seinen eigenen Charme aus, unter dem nüchternen Blick eines Modellenthusiasten fallen aber eher Vokabeln wie "plump" - was auch wohl zutreffend ist. Lange Zeit wurden diese Modelle, die wegen ihrer Form wie auch die ähnlichen Typen Cooper, Lotus und Porsche in der Sammlerszene als "Zigarren" bezeichnet werden, eher stiefmütterlich behandelt. Die Grundversionen bekam man bis vor kurzem immer mehr oder weniger "aus Versehen" bei einem Bahnkauf von Privat dazu, so daß die Einstellung dominierte, daß diese Modelle einem irgendwann günstig in makellosem Zustand schon über den Weg laufen werden. Erst in den letzten Jahren zeigt sich, daß es doch nicht so einfach ist, wirklich 100%ig erhaltene Vertreter dieser Gattung für die Sammlung zu finden. Wer wirklich auf absolut unbespielte Exemplare aus ist und dazu noch wirklich alle Detailvarianten in die Kollektion aufnehmen möchte, stößt bei einigen Versionen sogar auf größte Schwierigkeiten. Einen halbwegs ansehnlichen Ferrari Tipo 156 in rot finden sie auf jeder Börse oder auf Mausklick auch bei ebay. Einen absolut unbespielten Ferrari F1, dazu noch in der ersten Ausführung mit Stiftschleifer, werden Sie dagegen nur sehr mühsam auftreiben. Nachdem sich die Sammelei von klassischen Carrera-Modellen inzwischen seit einigen Jahren etabliert hat, stellen immer mehr weit fortgeschrittene Sammler fest, daß ihnen ausgerechnet diese vermeintlichen 08/15 Modelle noch im Bestzustand fehlen. Ein Umstand, der sich auch in einer erhöhten Wertschätzung für ladenneue Exemplare auf dem Sammlermarkt bemerkbar macht. Für die nachfolgenden Einordnungen in Zustandskategorien ist dieser Sachverhalt unbedingt zu berücksichtigen. Die Angaben beziehen sich auf sehr gute aber nicht absolut unbespielte, also nicht ladenneue Modelle. Letztere sind zum Großteil erheblich seltener einzustufen. Die Varianten mit den wichtigsten Unterscheidungsmerkmalen im einzelnen:

In roter Farbgebung sind drei Varianten zu unterscheiden. Die erste Version hatte noch den einfachen Stiftschleifer, der bis 1964 Verwendung fand. Daneben sind bei dieser Ausführung die vorderen Ausschnitte für die Vorderachse kleiner ausgefallen und die Erhöhung hinter dem Cockpit ist deutlich schmaler, als bei späteren Versionen. Im Heckbereich ist hier eine zusätzliche Öffnung eingearbeitet, die für einen zweiten Führungsstift vorgesehen war.

In der zweiten Ausführung, die bis 1969 im Programm verblieb ist der bekannte Universal-Schleifer montiert und die vorgehend beschriebenen Differenzierungsmerkmale entfallen. Im Detail sind hier noch zwei Varianten abzugrenzen, bei denen die eine mit, die andere ohne Öffnung unter dem Motor ausgeliefert wurde. Die bis hier beschriebenen Modelle gehören sicher zu den häufigsten Uni-Typen und sind in gutem unbeschädigten Zustand mit leichten Spielspuren in der Seltenheitskategorie 2 für die erste Ausführung und 1 für die spätere Version mit Normalschleifer anzusiedeln. Wie schon betont wurde, gelten für nagelneue Fahrzeuge ungleich andere Verhältnisse, wie auch grob beschädigte Autos unter Sammlern völlig uninteressant sind und in diesem Marktsegment keine nennenswerte Rolle spielen.

Parallel zu diesen Typen hat Carrera batteriebetriebene Bahnen auf den Markt gebracht, denen modifizierte Ferrari Tipo 156 beigefügt wurden. Hier ist ein Zweileiter-Schleifer eingesetzt worden, für den im Frontbereich eine viereckige Öffnung eingearbeitet wurde, in die ein eigens für diese Varianten produzierter Führungsstift mit Leitblechhalterung montiert wurde. Diese recht eigentümlichen Fahrzeuge sind nicht etwas Vorläufer des Universal-Systems sondern waren sozusagen eine "Billigausführung", um dem Käufer einen günstigen Einstieg in die Carrera-Welt zu ermöglichen. Die begrenzten Möglichkeiten dieser Betriebsart lassen an dem Sinn dieser Battery-Packungen aber doch eher zweifeln. In dieser gestutzten Variante wurde auch - sehr untypisch für diese Marke - ein Ferrari F1 in blau angeboten. Beide sind in etwas gleich selten einzustufen, das obere Ende der Kategorie 6 erscheint adäquat, wenngleich der blaue Ferrari unter Sammlern deutlich höher gehandelt wird. Dieses scheinbare Paradox erklärt sich aus dem Umstand, daß eine Farbvariante von Sammlern fast immer höher bewertet wird, als ein Unterschied im Detail, wenn man mit der Standardversion ein auf den ersten Blick optisch identisches Stück für kleines Geld erwerben kann. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, das blaue Tipo 156 auch mit leichten Mängeln durchaus noch Sammlerwert besitzen!

Beim Kauf dieser Modelle ist in erster Linie auf fehlende Beschlagteile zu achten. Standardteile wie die Fahrerbüste sind natürlich nicht wirklich preisentscheidend, Scheibe, Heckblende, Überrollbügel und ähnliche Parts sollten bei einem Stück für die Sammlung aber vorhanden sein. Selbst auf makellose Startnummern wird gerade bei diesen Typen höchster Wert gelegt. Grobe Risse und Ausbrüche an der Frontspitze und seitlich am Spritzpunkt der Karosserie disqualifizieren diese Fahrzeuge in den Augen der meisten Sammler für den Zugang zur Vitrine. Allenfalls bei der blauen Ausführung macht der ein oder andere Kollektor vielleicht eine Ausnahme und gewährt dem Auto Zugang - bis ein besserer gefunden wird.

Der Ferrari Tipo 156 gehört sicher nicht zu den ästhetischen Höhepunkten der Universal-Modelle. Dennoch dokumentiert er heute markant die Anfänge dieses später so erfolgreichen Systemspielzeuges. Und wer weiß: Vielleicht reicht Carrera in den nächsten 40 Jahren ja noch einmal eine detailgetreue Ausführung für das Evolution System nach...



Copyright 2003 Henry Smits-Bode

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