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Wie
aus einer anderen Welt: Die Stratos Studie
Henry Smits-Bode
Die
Reaktionen der Besucher der Turiner Ausstellung im Jahre 1970 schwankten zwischen
euphorischer Begeisterung, ungläubiger Irritation und blankem Entsetzen. Nur die
Tatsache, daß der auf dem Stand der Carrozzeria Bertone gezeigte Stratos-Prototyp über
vier Räder verfügte, erteilte diesem, ansonsten eher einem Requisit der Erfolgsserie
Star Trek ähnelnden Objekt, die Legitimation, auf einer Automobilmesse
gezeigt zu werden.
Der mit einem Mittelmotor von Lancia
bestückte Keil war von Nuccio Bertone selbst entworfen worden. Kein anderes Fahrzeug
seines Schaffens dokumentiert so kompromißlos den für Bertone typischen Hang zu kantigen
Linien. Mit diesem Markenzeichen grenzte er sich klar von dem zweiten großen Genius
klassischen Automobildesigns Battista Pininfarina ab, dessen Kunstwerke deutlich weicheren
Formen folgen. Nur wenige schaffen es, eine so charakteristische Handschrift zu
entwickeln. Selbst automobilen Schönheiten von Designergrößen wie Giugiario oder
Gandini sieht man an, daß deren geistige Väter durch die Schule Bertones gegangen sind,
man denke nur an den extrem aggressiv gestylten Lamborghini Countach aus Gandinis Feder.
Das so ein selbst heute noch futuristisch
anmutendes Fahrzeug nie in Serie gehen würde, war auch Bertone klar. Aber der Köder, den
er ausgelegt hatte, erfüllte seinen Zweck. Lancia Rennleiter Cesare Fiorio - später für
Ferrari, heute für Alan Prost im Formel 1 Geschäft tätig- biß sofort an und meinte,
aus Bertones Fingerübung würde sich etwas machen lassen. Was 1974 daraus wurde ist uns
Carrera-Sammlern als Lancia-Stratos sattsam bekannt. Auch dieses Fahrzeug läßt anhand
seiner scharfen Kanten zweifelsfrei seinen Urheber erkennen, verglichen mit der Studie ist
es aber fast als Mauerblümchen zu bezeichnen.
Auch die von Carrera 1974 vorgestellte Stratos-Studie ist
ein absoluter Exot im Universal-Programm. Blickt ein außenstehender Betrachter in die
Vitrine eines Uni-Sammlers, fällt der Blick häufig zuerst auf dieses unförmige Ding,
welches dann nicht selten mit Attributen wie potthäßlich versehen wird.
Diese Ignoranten! Tatsächlich aber weicht die Carrera-Interpretation des Stratos stark
von dem Original ab, was in dieser Deutlichkeit sehr untypisch für die Modelle war, die
das Fürther Werk verlassen haben. So ist die Haube des Mittelmotors am 1:1 Fahrzeug
dreieckig geformt, ebenso die Lamellen auf der Haube. Das Modell hingegen wurde mit
einfachen Querrippen versehen. Als zweite gravierende Verfremdung ist die
Windschutzscheibe anzusehen, die am Vorbild fast rechteckig und mit nur minimaler
Krümmung geformt ist. Das fast ovale Gegenstück des Universal-Fahrzeugs gibt den
Charakter dieser Extremstudie daher nur unzureichend wieder, zumal auch die starke
Keilform des Originals am Modell durch die wesentlich flacheren Winkel im Front- und
Heckbereich deutlich entschärft wurde.
Die Tatsache, daß das Carrera-Fahrzeug
-in Abweichung zum silbernen Original- grün lackiert wurde führt bei vielen Sammlern zu
Verwechslungen mit dem Alfa Romeo Carabo, ein ebenfalls von Bertone gestylter und in
zweifacher Ausfertigung produzierter Prototyp. Dieses Auto sieht dem Carrera Stratos in
der Tat sehr ähnlich, insbesondere die grüne Farbgebung der Originale führt manchen auf
die falsche Fährte, dem die echte Stratos Studie nicht bekannt ist. Die Fehler, die
Carrera bei der Wiedergabe des Exoten unterlaufen sind, tun ihr Übriges, denn dadurch
wird die Flunder dem Carabo noch ähnlicher. Nach Wissen des Autors hat aber nur die Firma
Jouef einen Alfa Carabo für die Schlitzpiste hergestellt.
Wer einen makellos erhaltenen Carrera Stratos sein eigen
nennt, kann sich glücklich schätzen. Zwar findet sich auf jeder Slot-Car-Börse
mindestens ein Exemplar diesen Typs, aber auch wenn es sich auf den ersten Blick um ein
vitrinenwürdiges Exemplar handelt, erfolgt meist spätestens bei der Inspektion des Hecks
die Ernüchterung. Selbst Modelle, deren Chassisaufnahmen -die eigentliche
Sollbruchstelle aller Lexan-Fahrzeuge- das Dasein im Kinderzimmer unbeschadet
überstanden haben, offenbaren hier nämlich die große Schwäche der Studie: Die hinteren
Kanten sind bei nahezu allen bespielten Modellen zumindest gerissen, üblicherweise sogar
großflächig ausgebrochen. Das macht es nicht gerade einfacher, des Sammlers Wunsch nach
einem mängelfreien Fahrzeug zu befriedigen. Aufgrund dieser Marktlage erscheint für ein
Top-Modell(!) die Seltenheitskategorie SK 8 durchaus angebracht. Autos mit den genannten
typischen Fehlern sind aber erheblich niedriger anzusetzen, was sich natürlich auch in
einer entsprechend starken Preisdifferenz niederschlägt.
Vor dem Kauf eines Stratos ist auf jeden Fall zu prüfen,
ob es sich um ein Originalfahrzeug oder eine Replik handelt, die von einigen Händlern
angeboten wird. Diese ist von der Form her zwar mit dem echten Modell identisch, aber
durch einen kritischen Blick doch relativ leicht zu enttarnen, etwa durch das verwendete
Material, welches härter ist als das von Carrera verwendete Lexan, oder durch die
verwendeten Decals. Am augenfälligsten ist aber das Finish der Lackierung, die selbst bei
sehr gut gearbeiteten Repliken von dem Original abweicht. Ergänzend können die Radläufe
auf die charakteristische Verfärbung durch die Reifenausdünstungen überprüft werden,
die dem Modell Authentizität bescheinigen, aber natürlich nicht immer vorhanden sein
müssen, z.B. bei einer neuen Ersatzkarosse. Ein letztes, wenn auch etwas ungewöhnlich
erscheinendes Mittel ist der Geruchstest: Das Carrera Lexan hat einen ganz individuellen
Duft, der allen Lexan-Modellen anhaftet. Mit der Aufgabe diesen zu imitieren, dürften
auch bösartigste Fälscher überfordert sein. Hört sich alles kompliziert an, ist aber
auch mit geringer Erfahrung durch den Hobbyeinsteiger zu bewerkstelligen, wenn man diese
Vorsichtsmaßnahmen Punkt für Punkt abhakt.
Wenigstens ersparte Carrera uns
Besessenen, auch noch verschiedene Varianten des Stratos auftreiben zu
müssen. Die bei vielen anderen Fahrzeugen zu beobachtende Farb- und
Detailvielfalt betrifft dieses Exemplar zum Glück nicht. Der im Katalog 1974/75 gezeigte
Stratos weicht zwar in einigen Punkten von dem Serienmodell ab, etwa durch den fehlenden
silbrig-goldenen Mittelstreifen und den quadratischen statt trapezförmigen schwarzen
Frontbereich, als definitiv existent ist diese Ausführung bislang aber nicht bekannt
Das es sich bei dem grünen Keil um ein
Straßenauto und nicht um eine verspätete Ergänzung zum Carrera-Jet System in Form eines
UFO´s handelt, verrät spätestens ein Blick auf das Heckblech: Hier hat Carrera dem
Stratos mittels eines Nummernschildes die Straßenzulassung attestiert. Ob der deutsche
TÜV da mitgespielt hätte?
Copyright 1998 Henry Smits-Bode
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